Fast auf den Tag genau vor drei Jahren, am 26.11.2005, erlebte ich zum ersten Mal Ausschreitungen bei einem Fußballspiel. Ich war gemeinsam mit meinem Kameramann für die Recherche zum Film KATEGORIE C nach Leipzig gekommen, um von dort aus mit den LOK-Fans weiter nach Wurzen zum Bezirksligaspiel zu fahren.
Ausschnitte aus meinem Gedächtnisprotokoll:
Auf dem Leipziger Bahnhof ist alles relativ ruhig. Ein Mob von LOK-Fans sammelt sich langsam, aber lautstark, vor McDonalds, dem üblichen Treffpunkt bei Auswärtsfahrten, auch von Chemikern. Die Polizei ist präsent, auch die SKBs sind da.
Auf einem Bahnsteig dreht Detlef Buck einen FIFA-Werbespot fürs ZDF mit unechten brasilianischen und argentinischen Fußballfans. Jubel, Trubel, Heiterkeit!
In Wurzen ein paar Knaller auf dem Bahnsteig, dann wird zügig in Richtung Stadion los marschiert. Vorne weg ein Polizeiauto mit Videoplattform und Polizeieinheiten. Dasselbe hinter den Fans. Die Sonne scheint. Ein warmes, tiefes Herbstlicht ergießt sich über die ansonsten graue Stadt. Eine blau-gelbe Fahne der LOKisten leuchtet in diesem Licht.
Der Zug der Fans wird angehalten. Alle sollen sich setzen. Chöre mit Vorsprecher, dann Hüpfen und Jubel. Wir gehen weiter.
Vor dem Stadion ist alles ruhig. Die Fans kaufen Karten und gehen dann ins Stadion. Es müssen mehrere tausend LOK-Fans gekommen sein. Der Fanbetreuer taucht auf, der LOK-Chef ebenfalls. Die Polizei ist ruhig und hält sich zurück, filmt aber ununterbrochen.
In der Pause ein kurzer Polizeieinsatz, nachdem sich alkoholisierte „Kutten“ hinter den Dixis eine kleine Rangelei lieferten. Es beruhigt sich schnell alles wieder.
Während mein Kameramann das Spiel und die Fans fotografiert, stehe ich am Bierstand direkt am Stadioneingang und beobachte die Szenerie. Ich wundere mich, dass Schnaps ausgeschenkt wird, was die Männer bei diesen Temperaturen ordentlich nutzen.
Plötzlich rennen hinter mir Polizisten prügelnd in die Fans hinein, die dort herum stehen und miteinander reden, auf dem Weg zum Bierstand sind oder von dort kommen. Keine Ahnung, welchen Anlaß es für diese Polizeiaktion gegeben hat. Ich stand zu diesem Zeitpunkt ungefähr fünf Minuten am Bierstand und alles war ruhig bis dieser Einsatz los ging. Die Fans wehren sich und drängen die Polizei zurück. Ich werde zur Seite geschoben.
Die Polizei prügelt wieder in die Fans hinein. Ein paar bleiben liegen. Einer wird bewußtlos auf den Thekentisch vom Bierstand gehoben. Ich werde angebrüllt: „Los, Franziska, fotografiere!“ Ich zittere den Apparat heraus. Eigentlich müßte ich zum fotografieren auf den Bierstand klettern, um besser sehen zu können, aber ich bin so steif gefroren, dass ich mich nicht traue, weil ich da bestimmt zappelnd wie eine Oma hängen würde. Also fotografiere ich von unten.

Zwei Fans helfen mir dann doch mit Räuberleiter hinauf, so das ich nun einen guten Blick auf das Geschehen habe. Ich fotografiere prügelnde Polizisten, wie Gas gesprüht wird, wie ältere Fans versuchen, die anderen zu beruhigen. Es geht hin und her.
Dann fliegen die ersten Steine aus den Ecken. Ich kann nicht erkennen, wer sie wirft, denn die Werfer stehen bewusst hinter den Dixis. So können sie auch nicht von den Polizeikameras erfasst werden. Nach einer Weile zerren hinter mir zwei Fans an mir herum, weil sie nicht wollen, das ich fotografiere. Ich versuche, sie abzuschütteln.

Immer wieder rennen die Polizisten prügelnd in die Fans, sprühen Pfefferspray. Auch Steine und Flaschen fliegen wieder. Jetzt steht auch der LOK-Chef dazwischen und versucht, zu schlichten. Die Polizei muß sich immer mehr zurück ziehen, verriegelt schließlich von außen das Stadiontor. Die Fans reißen es sofort ein. Jetzt fliegen extrem viele Pflastersteine und Flaschen auf die abziehenden Polizisten, weil ja auch die Polizeikameras nicht mehr da sind. Die Stimmung kocht, trotz des Rückzugs der Polizei, immer mehr hoch. Ich werde über einen Zaun gehoben, der zwischen Stadion und einer Kleingartenanlage steht. Jetzt befinde ich mich seitlich des Geschehens. Die Polizei stürmt noch einmal auf die Fans zu. Ein vergeblicher Versuch, die Fans doch noch ins Stadion zurück zu drängen. Aber die Polizei ist zahlenmäßig weit unterlegen. Sie stehen einem inzwischen riesengroßen Fan-Mob gegenüber. Denn das Spiel ist zu Ende und alle Zuschauer müssen diesen Weg nehmen, um aus dem Stadion heraus zu kommen, weil es nur diesen einen Ausgang gibt. Es ist absurd!
Ich frage mich, worum es hier überhaupt geht. Warum hat sich die Polizeiführung so undiplomatisch und unverhältnismäßig verhalten? Sie hat sich unüberlegt in eine Verliererposition manövriert und muß nun zusehen, die eigenen Leute ohne Schaden heraus zu bringen. Das war dumm und fahrlässig! Das Vorhaben, die Fans zurück ins Stadion zu drängen, ist gescheitert. Die Polizei muß sich endgültig zurück ziehen. Wieder bleiben Verletzte auf der Strasse liegen, auch ältere Männer.
Als sich die Tagespresse in den darauf folgenden Tagen zu diesen Vorfällen äußert, bin ich ernüchtert . Die Fans haben nichts anderes erwartet. Erst Wochen später gibt es verhaltene, öffentliche Kritik an der Polizeiführung, die für diesen Einsatz verantwortlich war.
In den Foren der Fans wird ebenfalls bundesweit diskutiert.
http://beta.sachsen-leipzig.de/forum/showthread.php?t=6049
http://forum.dynamo-dresden.de/showthread.php?p=183835
http://36121.rapidforum.com/topic=100376680933
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2 responses so far ↓
Hallo Franziska,
warum holst du so eine alte Kamelle wieder als neue Meldung in diesen Blog?
Trotzdem noch eine nachgereichte Meldung: Das Urteil von 2005 : Lok Leipzig und Wurzen mussten damals je 150 Euro Geldstrafe zahlen und ein Drittel der Verfahrenskosten von 342 Euro tragen
Ich fotografiere prügelnde Polizisten, wie Gas gesprüht wird, wie ältere Fans versuchen, die anderen zu beruhigen. Es geht hin und her.