franziska-tenner.de

Movies. Books. Projects.

franziska-tenner.de header image 3

Kalte Mutter

KALTE MUTTER

Recherchekonzeption für eine Stoffentwicklung zu einem Dokumentarfilm und für ein Buch

AUSZUG

Kriegsenkel – Die Kinder der Kriegskinder

Kriegsenkel sind all diejenigen, die zwischen 1960 und 1975 geboren wurden. Deren Eltern haben den Zweiten Weltkrieg bzw. seine Folgen als Kinder miterlebt. Die Generation der Kriegskinder rückte seit den 1990er Jahren immer stärker in den Fokus insbesondere psychologischer Untersuchungen und Forschungen, aber auch der Öffentlichkeit insgesamt. Lange Zeit wurde in beiden deutschen Staaten vernachlässigt, welche Folgen die Traumata einer ganzen Generation mit sich bringen, die in Trümmern, umgeben von Ohnmacht, Tod, Verlust und Angst geboren wurde und mit den Folgen der Verdrängung im Wirtschafts-wunder oder im real existierenden Sozialismus groß wurde.

Im Jahre 2009 ist an der Universität München eine erste Langzeitstudie des Trauma-forschers Michael Ermann zu diesem Thema vorgestellt worden. Sie belegt, wie stark die Schatten einer Kriegskindheit noch immer auf einem Großteil der heutigen Rentner lasten. Und etwas anderes wird deutlich: dass sie etwas von diesen Schatten an ihre Kinder, die Kriegsenkel, weitergegeben haben, ohne es zu wollen, ohne es zu wissen.

„Was ihnen in ihrer Kindheit verwehrt blieb, war ein grundlegendes Gefühl für die eigene Gefühlswelt, für Bedürfnisse und Wünsche, für Kummer und Leid. So führt die Kriegskindheit in die Entfremdung, wo die Kinder in der Zeit der Not und des Wiederaufbaus wenig vorkamen – jedenfalls nicht als Kinder mit dem Urbedürfnis nach einem schützenden und verstehenden Gegenüber.

Menschen, die mit ihrer Hilflosigkeit allein gelassen werden, verleugnen und verdrängen ihr Erleben und kapseln es ab. Unbewusster Hass auf den nicht schützenden Anderen erschafft so im Innern ein böses Introjekt. Die Identifikation mit dem Aggressor bewirkt eine Verachtung der eigenen Bedürfniswelt und ruft paradoxe Schuldgefühle hervor. Schuldgefühle über die eigenen Bedürfnisse, die vom Anderen weder anerkannt noch befriedigt werden. Was nicht gespiegelt und nicht verstanden wird, wird letztlich abgespalten oder verdrängt. In der Verdrängung können Entbehrungen und Verzicht aber nicht betrauert werden. So gibt es auch im späteren Leben keine alternative Erfahrung. Der wohlmeinende Andere bleibt in der Position des  Versagenden, von dem nichts Gutes zu erwarten ist.

Michael Ermann, Abschiedsvorlesung anlässlich der Entpflichtung als Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität, München am 20.3.2009

Ist der wohlmeinende Andere später auch das eigene Kind, von dem möglicherweise nichts Gutes zu erwarten ist? Müssen die seelisch traumatisierten Kriegskinder ihre eigenen Kinder abwehren, weil sie nicht sicher sein können? Die Kriegsenkel, wie Michael Ermann sie nennt, haben die Schuld und die Ängste ihrer Eltern sozusagen geerbt, leiden unter den Verlust- und Mangelerfahrungen, ohne den Krieg selbst erlebt zu haben.

Das Leiden der Kriegsenkel

Den Enkeln wird heute erst bewußt, welche Auswirkungen die ihnen oft unbekannte Kriegskindheit ihrer Eltern auf ihr Leben hat.   Mit den Auswirkungen der Kriegsvergangenheit auf die Generation der heute etwa 35- bis 50- Jährigen hat sich auch die Autorin Sabine Bode befasst. In ihrem Buch „Kriegsenkel – Die Erben der vergessenen Generation“ beschreibt Bode Begegnungen mit einer Generation, deren Vertreter häufig von grundlegenden Verunsicherungen und Ängsten geprägt sind, obwohl es ihnen – in Zeiten des Friedens und Wohlstands aufgewachsen – offenbar an nichts gefehlt hatte. Viele ihrer Gesprächspartner beschreiben das Unvermögen, sich verwurzeln zu können und schildern ihr Bemühen ein Leben zu führen, dass die von Verlust geprägten Eltern möglichst nicht belastet und gleichzeitig dem eigenen Bedürfnis nach Selbstverwirklichung entgegenwirkt. So entstand auch bei den Kriegsenkeln früh ein innerer Konflikt zwischen Anpassung und Selbstbehauptung, in dem die Kinder in der abhängigen und daher unterlegenen Position waren. Die Lösung war, so Michael Ermann in seiner Studie, Gehorsamkeit in der Selbst-Verleugnung. Die Kriegsenkel in Bodes Buch berichten außerdem von der emotionalen Unerreichbarkeit ihrer Eltern, der „ererbten“ Unfähigkeit, Gefühle wahrnehmen und mitteilen zu können.

„Auffällig häufig war von Müttern die Rede, die wenig körperliche Nähe zulassen konnten. Diese haben sie selbst nie erfahren. Sie wussten nicht, was es heißt, getröstet zu werden, denn sie waren von ihren eigenen Eltern mit ihren Ängsten und Nöten im Krieg und auf der Flucht alleingelassen worden. Das übertrugen sie später auf ihre Kinder, denn, selbst Eltern geworden, empfanden sie es wohl so, dass all die normalen Probleme von Kindheit und Pubertät doch nichts gegen die Schrecken waren, die sie einst selbst erlebt hatten. Die Kriegskinder haben in ihrer emotionalen Ausstattung häufig ein Defizit. Das führt dazu, dass die Bindung zwischen ihnen und ihren Kindern, den Kriegsenkeln, nicht gut ist. Es ist nicht leicht, diesen Zusammenhang zu erklären, aber er ist da.“

Sabine Bode, INTV Süddeutsche Zeitung 2009

Der versagende Andere, von dem nichts Gutes zu erwarten ist.; eine defizitäre emotionale Ausstattung der Kriegskinder; Mütter, die keine (körperliche) Nähe zulassen können; die Übertragung des Allein-gelassen-seins – in diesen Erkenntnissen, hier Bode und Ermann zitiert, liegt meine Titelwahl begründet.

Kalte Mutter – Kalte Kindheit

Krieg, Flucht und Vertreibung mussten die Mütter mit ihren Kindern oftmals allein bewältigen. Diese sind in ihren ersten Lebensjahren hauptsächlich auf die Zuwendung der Mütter angewiesen. Ich will, gemeinsam mit den Protagonisten, sinnlich nachvollziehbar machen, wie die stillschweigende Weitergabe traumatischer Erfahrungen von Schuld, Angst und Ohnmacht, die dadurch entstandenen defizitären Prägungen ganz konkret im familiären Alltag der 1960er und 1970er Jahre aussahen und in den Kindern dieser Zeit bis heute nachwirken.

In der Forschung ist bekannt, dass traumatische oder belastende Erfahrungen, wenn sie nicht aufgearbeitet wurden, an die nächste Generation übertragen werden können – man nennt diesen Prozess transgenerationale Weitergabe. Für mich heißt das, dass sich ein Film zu diesem Thema auch der Aufgabe stellt, dieses Schweigen zu unterbrechen und damit zu verhindern, dass das Trauma an die Kriegsurenkel, die Kinder meiner Generation, „vererbt“ wird. Verantwortlich mit Prägungen umzugehen, die seelische Not, Unsicherheit, Aggressionen, Selbsthaß und Ohnmacht hervorrufen können, ist die selbstgestellte Aufgabe.

Mit und in diesem Film möchte ich über den Film hinaus Betroffene – Kriegskinder, Kriegsenkel, Kriegsurenkel – dieses sozialen Prozesses der stummen Weitergabe traumatischer Erfahrungen miteinander in Kommunikation bringen; den Versuch unternehmen, einen Dialog in Gang zu setzen. Ich will gemeinsam mit Vertretern dieser drei Generationen auf eine filmische Entdeckungsreise gehen, Bezüge zum Krieg herstellen; darüber nachsinnen, was aus dem Krieg (tiefenpsychologisch) vererbt wurde; was davon noch heute in den Menschen wirkt und auf welche Art und Weise. Alle sollen – gleichberechtigt und gleichwertig – ihr persönliches Erleben im familiären, aber auch gesellschaftlichen Kontext ihrer Zeit beschreiben und sich darüber austauschen. So sollen Realitätskonstruktionen auf der Grundlage von Fragen und Beschreibungen der Generation der Kriegsenkel entstehen, die m.E. bisher in der Gesellschaft und in den Familien zu wenig ernst- und wahrgenommen wurden.

Wenn man erwachsen ist, das ist eine psychologische Binsenweisheit, behandelt man sich selbst so, wie man von Erwachsenen als Kind behandelt wurde. Die als Kind erfahrenen Muster werden oftmals im Erwachsenenalter reinszeniert, selbst dann, wenn man unter diesen Mustern gelitten hat. D.h. im Umkehrschluß, dass auch die Kriegsenkel ein Stück KALTE MUTTER in sich tragen. Diese Generation steht heute vor der Wahl, schweigend (und mit zusammen gebissenen Zähnen) weiter zu machen oder ihr Erleben und dessen Folgen aus dem Schweigen hervor zu holen; den tief eingegrabenen Schmerz und die Not genau zu betrachten, Fragen nach den Ursachen zu stellen, frühe Verletzungen und unerfüllte Bedürftigkeiten zu betrauern. Selbst Eltern geworden, müssen wir uns aber auch fragen (lassen), was wir schon an unsere Kinder, die Kriegsurenkel, weiter gegeben haben, ob wir auch schon zu Tätern geworden sind. Das ist eine sehr wichtige Frage dieses Films. Die Kriegsenkel sollen mit ihren Kindern, den Kriegsurenkeln, über ihre eigene Mutter- und Vaterschaft reflektieren. Denn hier erst schließt sich der Kreis. Erst, wenn auch das getan ist, kann die Weitergabe der im Krieg erfahrenen Muster unterbrochen werden. Nur so können neue, menschlichere und wärmere Mutter- und Vaterbilder entwickelt und gelebt werden. Und nur so wird es möglich sein, die Kriegsurenkel vor den gleichen Erfahrungen und Prägungen zu bewahren. Für diesen schmerzhaften Prozess soll dieser Film stellvertretend stehen. Er soll ermutigen einerseits. Er soll aber auch zeigen, dass nicht wenigen Einzelschicksalen mitunter ein kollektives Erleben zugrunde liegt, dass 65 Jahre zurück liegt und von dem wir alle hofften, es ein für alle mal hinter uns gelassen zu haben.

Franziska Tenner