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Kriegsenkel – Die Kinder der Kriegskinder

Februar 4th, 2011 by Franziska

Kriegsenkel sind all diejenigen, die zwischen 1960 und 1975 geboren wurden. Deren Eltern haben den Zweiten Weltkrieg bzw. seine Folgen als Kinder miterlebt. Die Generation der Kriegskinder rückte seit den 1990er Jahren immer stärker in den Fokus insbesondere psychologischer Untersuchungen und Forschungen, aber auch der Öffentlichkeit insgesamt.                                     Lange Zeit wurde in beiden deutschen Staaten vernachlässigt, welche Folgen die Traumata einer ganzen Generation mit sich bringen, die in Trümmern, umgeben von Schuld, Ohnmacht, Tod, Verlust und Angst geboren wurde und mit den Folgen der Verdrängung im Wirtschaftswunder oder im real existierenden Sozialismus groß wurde.

Im Jahre 2009 ist an der Universität München eine erste Langzeitstudie des Traumaforschers Michael Ermann zu diesem Thema vorgestellt worden. Sie belegt, wie stark die Schatten einer Kriegskindheit noch immer auf einem Großteil der heutigen Rentner lasten. Und etwas anderes wird deutlich: dass sie etwas von diesen Schatten an ihre Kinder, die Kriegsenkel, weitergegeben haben, ohne es zu wollen, ohne es zu wissen.  Zwar sei in den meisten Familien über den Krieg gesprochen worden, sagt Ermann, allerdings fast ausschließlich in ritualisierter Form: als Abenteuergeschichte oder witzige Anekdote.

„Was ihnen in ihrer Kindheit verwehrt blieb, war ein grundlegendes Gefühl für die eigene Gefühlswelt, für Bedürfnisse und Wünsche, für Kummer und Leid. So führt die Kriegskindheit in die Entfremdung, wo die Kinder in der Zeit der Not und des Wiederaufbaus wenig vorkamen – jedenfalls nicht als Kinder mit dem Urbedürfnis nach einem schützenden und verstehenden Gegenüber.

Menschen, die mit ihrer Hilflosigkeit allein gelassen werden, verleugnen und verdrängen ihr Erleben und kapseln es ab. Unbewusster Hass auf den nicht schützenden Anderen erschafft so im Innern ein böses Introjekt. Die Identifikation mit dem Aggressor bewirkt eine Verachtung der eigenen Bedürfniswelt und ruft paradoxe Schuldgefühle hervor. Schuldgefühle über die eigenen Bedürfnisse, die vom Anderen weder anerkannt noch befriedigt werden. Was nicht gespiegelt und nicht verstanden wird, wird letztlich abgespalten oder verdrängt. In der Verdrängung können Entbehrungen und Verzicht aber nicht betrauert werden. So gibt es auch im späteren Leben keine alternative Erfahrung. Der wohlmeinende Andere bleibt in der Position des  Versagenden, von dem nichts Gutes zu erwarten ist.”

Michael Ermann, Abschiedsvorlesung anlässlich der Entpflichtung als Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität, München am 20.3.2009

Ist der wohlmeinende Andere später auch das eigene Kind, von dem möglicherweise nichts Gutes zu erwarten ist? Müssen die seelisch traumatisierten Kriegskinder ihre eigenen Kinder abwehren, weil sie nicht sicher sein können? Die Kriegsenkel, wie Michael Ermann sie nennt, haben die Ängste ihrer Eltern sozusagen geerbt, leiden unter den Verlust- und Mangelerfahrungen, ohne den Krieg selbst erlebt zu haben.

… weiter (PDF 47 kB)

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