Die traumatische Qualität von Erlebnissen hängt immer damit zusammen, dass sie die „normale“ Welt der Betroffenen sprengen. Das heißt, die Opfer haben keine Norm, kein inneres Wertesystem, das sie auf diese traumatische Erfahrung vorbereitet und ihnen nachträglich hilft, sie einzuordnen und zu verstehen. Wenn in dieser Weise in ihrer Orientierung verwirrte und verletzte Menschen Kinder erziehen, geschieht es sehr häufig, dass sie in diesen äußeren Repräsentanten der von ihnen verlorenen Werte sehen, die unbedingt in einer ganz bestimmten Weise funktionieren müssen, um nicht völlig verloren zu gehen.
Das bedeutet, dass die Kinder durch Drohungen und durch körperliche Strafen gezwungen werden, Werte zu verwirklichen und auszufüllen, die bei den traumatisierten Eltern hochgradig gefährdet und durch Verlusterfahrungen bedroht sind. Diese innere Situation macht die Eltern weitgehend unfähig, mit den Individuationsschritten ihrer Kinder zurecht zu kommen. Sie können es nicht ertragen, dass diese andere Werte anerkennen als sie selbst.
Durch eine schwere Traumatisierung fällt ein Mensch aus dem Weltvertrauen heraus. Er kann es nicht in einer Weise zurück gewinnen, die Personen zu eigen ist, die kein solches Schicksal hatten. Weil die Eltern ihre eigene Emotionalität und Triebhaftigkeit verstärkt als Quelle von inneren Gefahren erleben, werden sie zum Trauma für ihre Kinder. Sie können deren Wünsche nur für anmaßend, ihre Glücksgefühle nur für voreilig, ja dumm halten. Leistung macht nicht froh, wird aber immerhin anerkannt. Und Leistung zeigt sich im Lohn! Freude ist gefährlich, Spontaneität leichtsinnig.
Sowohl Traumatisierte wie auch die von traumatisierten Eltern im Schatten des Wiederholungszwangs erzogenen Patienten wecken charakteristische Gefühle bei den Personen, die ihnen begegnen…
Wolfgang Schmidbauer „Er hat nie darüber geredet – Das Trauma des Krieges und die Folgen für die Familie“, Kreuzverlag, Stuttgart 2008
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