„… in den Kindern wird die Wahrheit, die man nicht aussprechen mag, sichtbar. Daß die Eltern gelitten haben, ist allein noch nichts, was in Abkapselung, Abwehr, Anklage und in die Not führt, die eigene Identität zu finden. Erst das Scheitern und die Schuld, die im Opferschicksal der Eltern liegen können, lasten auf den Kindern derart, daß sie sich lossagen müssen, lossagen wie auch die Kinder der Täter und sonst Beteiligten.
Damit wird zugleich deutlich, was das für die Kinder heißt: lossagen. Es heißt nicht, daß man die, von denen man sich lossagen muß, nicht eigentlich verstehen kann. Es heißt auch nicht, daß man sie nicht eigentlich lieben kann. Es bedeutet vielmehr, daß man ihr Leben nicht nachleben kann, ihr Schicksal nicht übernehmen, ihre Botschaften nicht erfüllen will. „Elternaustreibung“ kann allerdings auch bis zur Aufkündigung des Verständnisses und der Liebe gehen; das Verständnis für die Eltern und die Liebe zu ihnen können das Kind in eine deformierende Solidar- und Schuldgemeinschaft verstricken, die um der Rettung der eigenen Identität willen zerschlagen werden muß.“
Bernhard Schlink “Vergangenheitsschuld“, Diogenes 2007
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